Auf Wiedersehen Ernst Frischknecht

Ernst Frischknecht ist Biopionier geworden, dabei hätte er 1972 seinen Betrieb in Tann-Dürnten am liebsten heimlich auf biologischen Landbau umgestellt. Aber Frischknecht war eben immer ein Fragender und Forschender. Er war Bauer, Biobauer und Politiker. 1993 hat er als Biosuisse-Präsident den ersten Vertrag mit Coop Naturaplan unterzeichnet und damit Geschichte geschrieben.
Der Bauer war verliebt. Darum pflanzte er eine Linde. Mittlerweile ist aus dem Pflänzchen ein mächtiger Baum geworden. Um die Liebe geht es hier zwar bloss am Rande, die Linde vor dem Hof aber zeigt: Ernst Frischknecht (81) denkt zukunftsgerichtet. Darum glaubt er auch an eine Landwirtschaft, die komplett biologisch produziert. Sein Versprechen: Es funktioniert.

Ausgelacht und verspottet

Als Ernst Frischknecht 1965 den Hof übernahm, kamen die Pestizide auf, wie wir sie heute kennen. Frischknecht war begeistert – «endlich nicht mehr jäten». Nach einer Weile entdeckte er, was eine Landwirtschaft anrichtet, die auf Pes­tizide setzt: «Sie zerstört Böden und vergiftet den Menschen.» 1972 stellte er seinen Hof auf biologische Landwirtschaft um. Bio gab es ­damals schon seit 50 Jahren. Angewendet wurde es allerdings nur heimlich. Frischknecht war einer der ersten Schweizer Bauern, die sich nicht scheuten, Politik und Bauernverbände mit ihren Erkenntnissen zu konfrontieren. Er wurde belächelt und verspottet. «Es geht bei Bio um langfristiges Denken. Auf eine Saison gesehen sei die biologische vielleicht nicht lukrativer als die konventionelle Landwirtschaft. Über ein paar Jahre gesehen halte es sich die Waage. «Denken wir in Generationen, ist es ganz klar lukrativer.» In Norddeutschland gebe es Böden, auf denen nichts mehr wachse, weil sie kaputt seien. Wo konventionelle Landwirtschaft hinführe, zeige sich auch anderswo – Rinderwahnsinn, Geflügelgrippe und Schweinepest. «Hat man eine Seuche im Griff, komme bereits die nächste.» «Der Respekt vor dem Leben – sei es Tier, Pflanze oder Mitmensch – muss wichtiger sein als die finanziellen Aspekte.» Und zwar auf allen Ebenen: bei Produzenten, Verarbeitern, dem Handel wie auch beim Konsumenten. «Eine Wirtschaft, bei der es nur um Geld, Wachstum und Dividenden geht, hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.» Der Ertrag wäre bei reiner Bioproduktion kleiner. «Ein Drittel der Nahrungsmittel kommt aber heute gar nie auf den Tisch, weil sie von der ­Grösse oder dem Aussehen her nicht der Norm entsprechen.» Bei ausschliesslich Bio könnten wir nicht mehr jedes krumme Rüebli aussortieren. Es brauche auch ein ­gesellschaftliches Umdenken. Ernst Frischknecht ist überzeugt: «Langfristig gibt es nichts Billigeres als Bio. Volkswirtschaftlich gerechnet.»

Das Universum im Boden

Biobauer Ernst Frischknecht nimmt eine Handvoll Erde, riecht daran. «Wenn wir in die Sterne schauen, ist uns bewusst, dass da ein ganzes Universum ist. «Beim Boden vergessen wir das.» Dabei sei auch der ein Universum. «In dieser Handvoll Erde leben so viele Bakterien wie Menschen auf der Welt.» Der Mensch müsse Sorge dazu tragen. Doch stattdessen hätten sich in intensiv bewirtschafteten Gebieten wie dem Berner Seeland die Böden in den vergangenen 50 Jahren um 1,5 Meter abgesenkt. Frischknecht glaubt unerschütterlich an die Biolandwirtschaft.

Mit dem geringen Selbstbewusstsein eines Bauern gegen Wissenschaftler anzutreten, sei für ihn trotzdem stets schwierig gewesen. «Ich habe Respekt vor Menschen, die anders denken als ich.» Aber er wünsche sich, dass Wissenschaftler und Bauern zusammenarbeiten. Dass durch das Wissen von beiden Seiten Brücken geschlagen werden für eine Landwirtschaft mit Zukunft.

Ernst Frischknecht hat auf und mit seinem Boden mehr als dreissig Jahre lang geforscht. Wie eine Blackenwurzel hat er sich in die Tiefe des Systems gegraben. Er hat Erkenntnisse gewonnen und zutage gefördert, Blüten gebildet, das Wissen vermehrt. Er hat Probleme gelöst und neue entdeckt. Hat Überraschungen erlebt, Erfahrungen geteilt und Sätze wie: «Pestizidfreier Ackerbau ist möglich, wenn die Bedürfnisse der Erde ernst genommen werden. « Er wollte den Ursachen auf den Grund gehen, welche Schädlinge oder Probleme hervorbringen – statt ausrotten und bekämpfen, was nicht erwünscht ist.  Damit er verstehen konnte, was dahintersteckt und der Grund ist.

Dorli Frischknecht (76), die Frau, für die er einst die Linde pflanzte, arbeitet an diesem Morgen in ihrem grossen Gemüse- und Blumengarten. Die verrückte Verliebtheit von damals ist der Liebe gewichen. Zwischen Kopfsalat und Bohnenstauden sagt Frischknecht seiner Frau, wie schön sie ist. Es scheint, dass gegen den Strom zu schwimmen wohl anstrengend ist, aber diese beiden Bio-Pioniere nicht unglücklich gemacht hat. Im Gegenteil.

Am 14.4.2021 ist Ernst Frischknecht seinen letzten Weg hier auf der Erde angetreten.  Wir danken ihm für seine unerschütterliche Liebe für den Biolandbau und all sein Wirken in all den verschiedenen Bereichen.

Wer mehr über Ernst Frischknecht lesen möchte, dem empfehlen wir das Buch zum Thema: «Damit wir auch in Zukunft eine Zukunft haben. Ernst Frischknecht. Der Bio-Pionier.» Von Christine Loriol. Verlag Elfundzehn. 2019